Biografiearbeit als ein Erzählen in Schichten

„Die Zukunft ist ungewiss und die Vergangenheit ändert sich ständig“ (unbekannt)


Als ich in der zweiten oder dritten Klasse war, wurde ich in Erholung geschickt, so nannte man das damals, aus unserem Dorf an der Haune nach Bad Karlshafen an der Weser, was die Grenzen meiner vertrauten Welt bei weitem überschritt.
In der Schule hatten wir zu dieser Zeit das Teilen durchgenommen. Am Tag bevor ich losfuhr, hatte ich die Achterreihe aufbekommen und ich weiß noch, ich stand auf dem Spielplatz, als mir der zufrieden stellende Gedanke kam, ich würde ab jetzt kaum noch etwas verpassen. Was sollte noch kommen?
Wir hatten zählen gelernt, Reihen, die aufs zuverlässigste aufeinander folgten. Wir hatten diese Zahlen zusammengezählt und wieder abgezogen. Schließlich hatte man uns in etwas so Wunderbares wie in das Malnehmen eingeführt, das vergleichbar erschien mit der Brotvermehrung aus dem Neuen Testament.
Mit den gleichen Zahlen wie zuvor bekam man nun ein Vielfaches mehr. Und jetzt noch das Teilen. Eine große Menge wurde gerecht verteilt unters Volk oder unter die Kinder, sogar der Rest war kalkulierbar, und jung wie ich war, wusste ich doch schon, dass auch das einem Wunder gleichkam.
Was also sollte jetzt noch kommen? Die Welt der Zahlen, so schien es, war durchschritten. Ich fuhr gelassen los.
Was durchgenommen worden war, als ich nach sechs Wochen zurückkam, erinnere ich nicht. Zu meinem Erstaunen aber ging es dennoch weiter.
Gut erinnern kann ich mich an das Rechnen mit einer Unbekannten. Dass es Unbekannte gab, wusste ich ja. Aber dass man mit ihnen rechnen konnte, und zwar so lange, bis sie einem bekannt waren, war überraschend und löste Befriedigung über das Ergebnis aus. Als auch Rechnungen mit zwei und drei Unbekannten gelangen, war man doch schon besser gerüstet für die Welt.
Es geht, wie wir wissen, auch danach weiter in der Mathematik. Ich bin darin keine große Leuchte geworden, aber ich habe gelernt, dass es kein zu Ende kommen gibt bei ihr. Mit Null, also nichts, und neun Ziffern, lässt sich bis ins Unendliche denken.
Jahrzehnte später, als ich schon lange im Bereich der Biografiearbeit tätig war, wollte ich in einer Ausbildungsgruppe die Dimensionen des Biografischen erläutern, als mir meine Rechengeschichte als Metapher einfiel.
***

Mit Lebensgeschichten, habe ich am Ende gesagt, ist es ganz ähnlich wie in der Mathematik. Auch mit ihnen kommt man nie zu Ende. Und falls wir denken, unser Leben und die Geschichte davon sei überschaubar geworden , öffnet sich eine neue Frage, eine Herausforderung, eine Unsicherheit, begegnen wir einem Menschen mit fremden Fragen und sind aufgerufen, die Er-Zählungen unseres Lebens in neuen Dimensionen aufeinander zu beziehen.
Und schon ist die Vergangenheit dabei, sich zu ändern.

Aber was geschieht, indem ich eine, indem jemand seine Geschichte erzählt?
In meiner Geschichte, um das Beispiel zu nutzen, habe ich das Ereignis, in Erholung geschickt zu werden, mit dem Mathematikunterricht in Verbindung gebracht und daraufhin beides mit dem Nachdenken über Biografiearbeit verbunden. In diesem Aufeinander beziehen von Ereignissen hat sich die Geschichte entwickelt.
Eine biografische Erzählung entsteht, wenn ein Ereignis mit einem anderen in eine Reihenfolge gebracht wird. Hier bekommt die kleine Erzählung am Anfang noch einen weiteren Bezug: in dem Wort „Erzählung“ steckt ja die Zahl, das Zählen, das aneinander Reihen von verschiedenem. Ganz wie im Erleben der Mathematik entsteht Dynamik, indem wir Geschehnisse in ihrer innern und äußeren Qualität aufeinander bezogen erzählen.
Die Art der Reihung entwickelt der erzählende Mensch durch seine momentane Perspektive und aus seiner gegenwärtigen Erkenntnismöglichkeit heraus. Eine Lebensgeschichte erscheint uns demzufolge umso umfassender, je mehr Ereignisse aufeinander bezogen sind und je vielfältiger sich Bewegungen durchdringen und miteinander korrespondieren, also indem die bloße Reihung verlassen wird und wir, quasi aufgestiegen in die gehobenen Ebenen der Mathematik, komplexere Erzähloperationen vollziehen.
Anders ausgedrückt: Unsere Lebensgeschichte erscheint umso vielschichtiger, je mehr Ebenen des Erlebens angesprochen sind, je mehr Schichten durchdrungen sind. Eine Ge-Schichte ist demzufolge das, was entsteht, wenn mehrere Erlebens-Schichten in Bezug aufeinander in den Blick genommen werden.

Und noch etwas ist nötig, damit eine biografische Erzählung entstehen kann:
Um Erlebnisse aneinander zu reihen und sie damit aufeinander zu beziehen, um Schichten von Erfahrungen in den Blick zu bekommen, muss die erzählende Person entscheiden, dass sie etwas für ein Ereignis, für eine Erfahrung hält.
Nehmen wir besagte Sequenz, in der das Kind, auf dem Spielplatz stehend, die Rechenwelt für durchschritten hält. Jahrzehntelang war diese Erinnerung nur vage vorhanden, ohne dass ich ihr Bedeutung beigemessen hätte. Hätte ich sie zu einem anderen Zeitpunkt hervorgeholt, wäre sie möglicherweise in eine Erzählung über über den Lebensalltag in den 60er Jahren auf dem Land oder in noch etwas anderes eingebettet gewesen.
Indem ich sie mit meinen Erfahrungen im Umgang mit Lebensgeschichten zusammenbrachte, bekam sie Bedeutung und Wert im Rahmen einer Ausbildung im Bereich Biografiearbeit. So ist mir aus den kindlichen Gedanken eine bedeutsame Geschichte geworden.
Denn ich kann nur zusammenfügen, was ich für wert halte, erzählt zu werden, was ich wert finde, in einen Bedeutungszusammenhang zu stellen.
Und zugleich gewinnt das, was ich in Zusammenhänge stelle, an Wert.
Darin liegt eine weitere Gestaltungsmöglichkeit und -notwendigkeit des biografischen Erzählens: dem, was wir für ein Ereignis halten, messen wir im Erzählen eine bestimmte Qualität zu.
Diese Qualität ist ebenfalls nicht festgelegt und absolut, sondern wandelt sich, je nachdem, in welchen Zusammenhang sie von uns (oder anderen) gestellt wird.

Eine biografische Geschichte entsteht also durch das Herstellen von Zusammen-hängen zwischen Erlebtem und zugleich durch das Konstruieren dessen, was für ein Erlebnis gehalten wird.
Mithin – es ist ein schöpferischer Akt!


Nur wenn wir biografische Erzählungen aufschreiben, in Büchern lesen, in Filmen anschauen, in Bilder malen und das Wagnis eingehen, unsere Geschichte(n) Schicht für Schicht hervorzubringen, dann erschaffen wir sie.

Eine biografische Erzählung hervorzubringen ist also, als würden wir unsere Schöpfkelle in den großen, unerschöpflichen Fluss des Lebens halten. Indem sie sich füllt, trennen wir etwas aus dem Fluss des Geschehens heraus, setzen einen Anfang und ein Ende. Wir könnten genauso gut, oder auch nicht genauso gut, aber wir könnten auch an einer anderen Stelle schöpfen, auf eine andere Weise erzählen und zusammenfügen.
Und diese Vielgestaltigkeit ist etwas, mit dem diejenigen, die sich mit ihrer Biografie beschäftigen, sich immer wieder selbst überraschen: dass es so viel Neues, so viel Tiefe, so viel Bedeutung im eigenen Leben zu finden gibt.

Wie kann dieses Wissen nun in der professionellen Beratung wirksam werden?
Biografiearbeit, wie ich sie verstehe, zielt darauf ab, diesen vielschichtigen Prozess kompetent zu begleiten, die Aktivität, auch Arbeit, in Bezug auf das Hervorbringen und Gestalten der eigenen Lebenserzählung zu unterstützen. Dabei kann das Hervorbringen der Lebenserzählung auf vielfältige Weise unterstützt werden. Durch Gesprächsarbeit, durch biografisches Schreiben, durch Malen, durch Aufstellungsarbeit, durch filmerische Projekte, künstlerisches Arbeiten und mehr. Wenn von Erzählen die Rede ist, ist immer an all diese Erzählweisen zu denken.
Das Anliegen zur Biografiearbeit liegt immer in der Gegenwart.
Motive, die Menschen zur Biografiearbeit führen, sind vielfältig. Dazu zählt:
− sich der eigenen Erfahrungen und Herkunft vergewissern
− sich auf der Basis von Reflexion der Zukunft zuwenden
− ein „vererbtes“ Schweigegebot beenden, um vielschichtiger zu erleben
− sich wiederholende Dynamiken klären und auflösen (bzw. lockern)
− ausgeblendete Ereignisse integrieren
− Freude am Erzählen
− die eigenen Stimme der Erinnerung entdecken
− Erinnerungen „aufheben“, um sie getrost vergessen zu können u.v.m.
In der Biografiearbeit regen wir das Aufspüren von Erfahrungsschichten und deren Überführen in Geschichten an und unterstützen Menschen darin, sie auf schöpferische und heilsame Weise „zusammenzuzählen“, oder, anders ausgedrückt, sie zusammen zu erzählen.
Als Biografiearbeitende fragen wir danach, welche Erzählung jemand seinem Leben im Augenblick geben kann, so dass eine konstruktive Gestalt sichtbar wird. Konstruktiv in Bezug auf das eigene Anliegen in der Gegenwart, aber auch in Bezug auf diejenigen, mit denen die Person sich verbunden fühlt.

Die Biografiearbeit schöpft dabei aus zwei Quellen:
die eine ist das gestalterische, also im weitesten Sinne künstlerische Feld, da im Erzählen gestaltet wird. Über kreative Anregungen entstehen Zugänge zu vielfältigen Erfahrungsschichten. Neustrukturierungen der biografischen Erzählungen entstehen und ermöglichen ein Wiedergewinnen oder Ausweiten von Gestaltungsmöglichkeiten des eigenen Lebens.
Die andere Quelle findet sich im therapeutischen Feld, indem nach Zusammenhängen geforscht und heilsame Bedeutungen geknüpft werden. Hier unterstützt sie die Fähigkeit, das als Erlebnis zu konstruieren, was bislang wenig konstruiert wurde und was für das Anliegen in der Gegenwart förderlich ist.
Je nach Ausrichtung der Biografiearbeitenden und dem Anliegen der erzählenden Person wird das eine oder andere Feld stärker im Mittelpunkt stehen.
Und wenn wir so vom Leben erzählen, vielschichtig und immer wieder neu, wer weiß, vielleicht werden wir dann zu dem, was man früher weise nannte: Menschen, die um die Schichten des Lebens wissen und sie in Geschichten aufheben.

Der Artikel ist in der Zeit-SCHRIFT für BIOGRAFIE-ARBEIT Nr. 1 vom 25. Februar 2011 erschienen.