Was ist eigentlich Biografiearbeit

Ausgangspunkt Gegenwart Die Beschäftigung mit der Biographie, der eigenen oder der eines anderen, ist immer die Beschäftigung mit dem Leben des jeweiligen Menschen. Und da das Leben der Menschen sich in der Zeit abspielt, ist es also eine Beschäftigung mit dem Leben in der Gegenwart, der Vergangenheit und der Zukunft. Der Anlaß für die Beschäftigung mit der Biographie liegt in der Regel in der Gegenwart. Es gibt eine bestimmte Frage, die einem umtreibt, es gibt Veränderungsprozesse oder ein Interesse, was sich aus der Lebenssituation heraus entwickelt hat, den roten Faden des eigenen Lebens zu entdecken und in die Hand zu bekommen und aus einem dieser Impulse heraus entsteht Biographiearbeit oder der Wunsch danach.

Suche nach Zusammenhängen in der Zeit
Biographiearbeit setzt also in der Gegenwart an, beim momentanen Anliegen. Und dann macht die Biographiearbeit einen Rückblick auf die Vergangenheit und sucht nach Zusammenhängen – immer in Bezug auf die Fragestellung oder Situation, die sich aus der Gegenwart ergibt- und im weiteren guckt sie in die Zukunft und fragt nach den Perspektiven, die darin liegen, nach möglichen Handlungsschritten, nach möglichen Entwicklungsschritten, nach einem Horizont, auf den man zugeht.

Biographie ist Gestalt in der Zeit
Biographiearbeit spannt also einen Bogen durch die Zeit. Es gibt einen Satz von..., der heißt „Biographie ist Gestalt in der Zeit“. Damit könnte man sagen, dass vieles angelegt ist im Entwicklungsprozess, aber erst von hinten her wird die Biographie als Gestalt erkennbar.

Worterläuterung Das hört sich an, als wäre eine Biographie etwas festgeschriebenes und in dem Wort Biographie steckt das ja auch drin. Das Wort „Bios“ bedeutet Leben und „graphie“ bedeutet schreiben, Niederschrift, Aufzeichnung. Also es geht in der Biographie um etwas, was man aus dem Fluß des Lebens heraus für sich gestaltet und in eine Form bringt.

Wer (oder was) hat eine BiographieDamit ist auch schon die Frage gestellt, ob dadurch, dass man lebt, selbstverständlich eine Biographie hat. Das ist eine ganz interessante Frage: kommt einem Menschen einfach eine Biographie zu, in dem er lebt, oder ist Biographie etwas, was entsteht, indem wir das, was wir leben, auch mit Bewusstsein durchdringen und ihm damit eine Gestalt geben. Und ich denke, dass letzteres der Fall ist und dass es eintief eingewurzeltes Bedürfnis von uns Menschen ist, das, was wir erleben, in Sinnzusammenhänge zu stellen und damit das zu gestalten. Biographiearbeit, was ja auch in dem Wort Arbeit steckt, ist also eine aktive Tätigkeit in Bezug auf das eigene Leben.

Die Zukunft ist ungewiß und die Vergangenheit ändert sich ständig – Perspektivwechsel auf eigene Biographie
Und ein schöner Satz zur Biographiearbeit, den ich immer gerne zitiere, heißt „Die Zukunft ist ungewiß und die Vergangenheit ändert sich ständig.“ In diesem, dass die Vergangenheit sich ständig ändert, liegt die Perspektive, dass aus der Gegenwart heraus sich die Ereignisse der Vergangenheit in immer neuen Zusammenhängen zeigen. Etwas, was ich in einer bestimmten Lebenssituation als Verlust einordne, aus einer anderen Perspektive heraus dann meinetwegen als entwicklungsfördernd sehe.

Auch das ist ein Aspekt der Biographiearbeit, dass wir danach fragen, wie kann ich mein Leben so durchdringen, dass es in seiner konstruktiven Gestalt sichtbar wird, also die Gestalt meines eigenen Lebens und auch das derjenigen, mit denen ich mich verbunden fühle.

An dieser Stelle ist mir noch wichtig zu sagen, dass ich eine leicht diferenzierende Übersetzung des Begriffs Biographie bevorzuge, also nicht Lebensniederschrift. In dem Wort Niederschrift liegt etwas drin wie es gibt Ereignisse, die sind eingeschrieben in mein Leben und ich schreibe sie dann vielleicht auch nieder und es kommt Neues dazu. Die Biographie ist nach vorne offen, aber nach hinten steht der Text fest. Und ich denke, es wäre gut, das Wort eher mit Lebenssprache zu übersetzten, weil das die Möglichkeit offen lässt, dass wir in immer umfassenderen Sinne begreifen, was wir gelebt haben und das in immer neuen Dimensionen auch erkennen können, in welchen Bedeutungszusammenhängen Ereignisse stehen. Und das ist etwas, was wir ja auch alles von uns selber kennen, dass es spannend bleibt, sich mit dem eigenen Leben zu beschäftigen. Man könnte ja denken, man weiß, was geschehen ist, man kennt seine eigenen Geschichten, aber das ist nicht so. Es gibt immer neue Ebenen der Erkenntnis und Formen des Erzählens und dadurch auch immer wieder neu das Bedürfnis, sich die eigene Geschichte zu erzählen. Man nimmt sie aus einem neuen Reifungsperspektive wahrnimmt und sie zu neuen Reifungsmöglichkeiten führt.

Biographie und Konstruktivismus – Realitäten und FreiheitHier entsteht das (moderne) Thema, können wir unser Leben konstruieren? Ist es uns freigestellt, wie wir darauf gucken? Und da würde ich sagen, es gibt bestimmte Abläufe im Leben, faktische Dinge, die als solche nicht zu verändern sind. Aber die Art, was sie für uns bedeuten, bewegt sich und insofern gibt es eine Freiheit in der Biographie aber eine Freiheit aufgrund von Realität. Und dieses Spannungsverhältnis zwischen Realität und Gestaltung und Gestaltung der Realität zu entwickeln, das ist ein Teil der Biographiearbeit.

Die zwei tragenden Säulen der Biographie – Chronos und Bios
Es gibt zwei tragende Strukturen in der Biographie. Die eine ist die chronologische Struktur, wo eines auf das andere folgt, die Abfolge in der Zeit. Da gehören auch so grundlegende Erfahrungen wie Generationszugehörigkeit und entwicklungs- uns Alterungsprozesse in der eigenen Generation, also überindividuelle Gestaltungsprinzipien des Lebens dazu oder politische große Ereignisse, die sich prägend auswirken und die man mit einer großen Gruppe von Menschen als Ereignis teilt. Das sind die Chronologien, die Geschichte. Und dann gibt es die Geschichten des Lebens, was mit Bios gemeint ist, das lebendige, individuelle Leben, das als Geschichten erzählt wird. Sie folgen eher Themen und der freien Assoziation als zeitlichen Abfolgen. In der Erarbeitung der Biographie ist es oft wichtig, die Chronologie und den Erzählstrang zu entwickeln. Es gibt Menschen, die haben sehr viele Geschichte präsent aber weniger die Abfolgen und dann gibt es Menschen, die können sehr gut in der Struktur sein, haben ab er weniger Zugang zu ihren erlebten Geschichten. In der Biographiearbeit gibt es methodische Hilfestellungen, beides miteinander zu entwickeln. So entsteht allmählich ein Bild davon, was die biographische Erfahrung ist. Wenn man das gemacht hat, zeigt sich auch so etwas wie ein Lebensthema. Man entdeckt auf einmal sich wiederholende Themen in ganz unterschiedlichen Lebensfeldern, auch in den Generationen der eigenen Familie. Es gibt ein Zitat von I. Bachmann, die ja eine große deutsche Dichterin gewesen ist, die hat sinngemäß gesagt „Jeder großer Dichter ist wie ein Stern, der unbeirrbar seine Bahn zieht. Denn jeder großer Dichter hat eigentlich nur ein Thema. Und dieses Thema variiert er nur. Jeder großer Dichter hat mit einem Thema seines Lebens genug auszuloten.“ Und im Grunde ist das so auch in jedem Menschenleben. Und dieses Thema ist so etwas wie ein untergründiger Strom, dass man in die unterschiedlichen Lebensfelder hinein gestaltet. Und es ist ganz interessant, dieses Thema zu finden und so weiter zu entwickeln in die Zukunft hinein, wie man das für sich sinnvoll findet.

Für wen ist Biographiearbeit gut?
Dass Biographiearbeit in bestimmten Lebensphasen, zum Beispiel für ältere Menschen oder in Lebensübergängen- und Krisen, eine nahe liegende Beschäftigung ist, das brauche ich glaube ich weiter nicht zu erläutern. Sie spielt aber auch z.B. in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen eine Rolle und zwar für diejenigen, die in ihren Familien und in ihrem eigenen,e rst wenige Jahre dauerndem Leben schon viele Abbrüche erfahren haben und die dann kein stabiles Gefühl von Kontinuität in ihrem Leben entwickeln konnten und auch dafür ist die Biographiearbeit hilfreich.

Biographiearbeit als schöpferische Tätigkeit – Methoden und Ergebnis Biographiearbeit ist eine schöpferische Tätigkeit. Schöpferisch, indem ich mein Leben durchdringe und gestalte. Und in diesem Gestalten liegt ja auch drin, dass ich ein Medium dafür brauche, als schreiben, Geschichten erzählen, etwas zusammenstellen. Das Ergebnis der Biographiearbeit ist immer auch, dass man etwas in der Hand hält, was man geschöpft hat, geschaffen hat. Auch etwas, was man dem großen Fluß des Lebens, dem immerwährenden Augenblick, der auch immer schon gleich vorüber ist, was man diesem Fluß abgerungen hat und was Gestalt gewonnen hat. Und das ist auch eine erfüllende und befriedigende Erfahrung.