Wenn die Wellen höher schlagen: Arbeit mit biografischen Aspekten in der Supervision

1 Einleitung

»DerWeg in die Welt führt über mich selbst«: Dieser Satz der Malerin Elvira Bach begegnete mir in einem Interview anlässlich ihrer Teilnahme an der documenta 7 in Kassel 1982. Er ist mir damals wie ein Leitmotiv erschienen, das mich bei meiner biografischen Arbeit mitMenschen aus sehr unterschiedlichen Kontexten begleitet: »Mit dem Begriff der Biografie [sind] nicht nur […] Daten und ihre zeitliche Abfolge erfasst, sondern auch die Bedeutungen, die die Biografen diesen geben. In diesem Sinne umfasst eine Biografie [sowohl] biografische Daten als auch die Interpretation dieser Fakten (Miethe, 2011, S. 12).

Zur Biografiearbeit, wie ich sie verstehe, gehört die Verschränkung unterschiedlichen Ebenen: der individuelle Ebene, der familiengeschichtlichen Ebene in ihrer Mehrgenerationendynamik, der gesellschaftlichen Kontextualisierung, der Thematisierung von spirituellen Dimensionen und Sinnfragen, die durch den Lebenseintritt, das Verwobensein ins Lebendige und das Ende der Existenz, so wie wir sie kennen, entstehen. Während der Begleitung von biografischen Prozessen bewunderte ich immer wieder, durch welch feine Resonanzen diese Ebenen im Lebenslauf miteinander verflochten und aufeinander eingestimmt sind.

Da ist es naheliegend, dass ich auch in meiner supervisorischen Praxis Resonanzen aus dem biografischen Themenfeld nachspüre. Möller (2001) beschreibt mit Bezug auf Pühl Supervision als berufsbezogene Beratung, der es um die Kompetenzerweiterung gehe. Kompetenzerweiterung wiederum beinhaltet in bestimmten Problemdynamiken die Reflexion der genannten biografischen Ebenen. In Anlehnung an Hölzle möchte ich sagen, dass eine ausschließlich auf den aktuellen Kontext bezogene Supervision – bei Hölzle »soziale Arbeit« –, die den biografischen Problemhintergrund ausblendet, ebenso kurz greifen würde wie eine Psychotherapie, die allein bei der individuellen Dimension ansetzt (Hölzle u. Jansen, 2011, S. 25).

Die Arbeit mit biografischen Aspekten steht im supervisorischen Feld dementsprechend im Dienst der Professionalisierung. Ich setze sie bei eskalierten Situationen im Berufsalltag ein, die zu Resignation, Burnout, inneren und äußeren Kündigungen etc. der Supervisanden führen. Indem die Wirkungen biografischen Erfahrungen auf das berufliche Handeln erkundet werden, kann deren ungewollteWirkung beendet oder zumindest gemildert werden. Die biografische Herangehensweise stellt somit ein Instrument zur Deeskalation im Berufsalltag zur Verfügung. Des Weiteren hat sich die biografische Herangehensweise bewährt, um bei chronifizierten Teamkonflikten eine Musterunterbrechung zu bewirken.

Als Lehrtherapeutin im Bereich Systemische Therapie und Beratung arbeite ich in der Supervision ebenfalls mit diesem Ansatz. Anhaltender Distanzverlust der Weiterbildungsteilnehmerinnen zu Klienten(-systemen), die sich in Form von Überengagement, Abwertung, Versagensgefühlen etc. ausdrücken, sind dabei
Arbeit mit biografischen Aspekten in der Supervision
immer wieder zu bearbeitende Punkte. Den Fachkräften wird durch die biografische Herangehensweise die Wirkung persönlicher Dynamiken im professionellen Handeln deutlich. Ihre Entwicklung führt vom sich Hineingezogenfühlen in die Dynamiken des  Klientensystems über das aufmerksame Wahrnehmen der eigenen Resonanzen auf Dynamiken des Klientensystems zum Erkennen eigener Thematiken einerseits und damit zum Freiwerden für die Anliegen der Klienten andererseits. Dies stellt eine wesentliche Kompetenz im therapeutischen Arbeiten dar.

Biografisches Arbeiten setzt »eine fachliche Professionalität voraus, die dazu in der Lage ist, ein spezifisches Setting der Biografiearbeit zielorientiert und adressatInnenspezifisch zu entwickeln und zu gestalten« (Miethe, 2011, S. 26).
Mit diesem Artikel möchte ich einen Beitrag für zielorientiertes biografisches Arbeiten in dem spezifischen Setting Supervision leisten.

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